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Sonnenaufgang: eine Liebeserklärung der Natur an die Menschen!

Dunkelheit. Felsen. Eine Stille, die so vollkommen ist, dass sie beinah zerbricht.

Nichts ist zu hören außer der Klang der eigenen Schritte, der Atem, der an diesem frühen Morgen im August gierig die viel zu dünne Luft einsaugt.

Wir halten inne, blicken zurück auf die Strecke, die bereits hinter uns liegt, das Dutzend kleiner Lampen, das in der Ferne den Lämmerbichl heraufsteigt. Der Großteil des Teams hat nicht mehr viele Höhenmeter vor sich, bevor er sein Ziel erreicht hat – wir aber haben uns für die große Tour entschieden. Rauf auf den Rastkogel, rauf auf 2.762 Meter über Normal Null, den Sonnenaufgang sehen und wieder zurück.

Mit dem Team sind wir das meiste Stück des Weges gefahren; was nun vor uns liegt, ist der letzte Anstieg. Um vier Uhr morgens. Über Fels, Geröll und Spalten, die sich wie hungrige Mäuler unter meinen Füßen auftun.

Auf was ich mich da eingelassen habe, als Küchenchef Maik die Runde fragte, ob denn jemand mit ihm ‚einen Gipfel mitnehmen wolle‘, kapiere ich erst, als mir das Atmen zunehmend schwer fällt: Vom Risiko einer Höhenkrankheit ab 2.500 Metern aufwärts hatte ich bis dato nur im Fernsehen gehört. Aber ich halte durch.

Unsere Yogalehrerin Nicole fällt allmählich zurück, während Maik ein Tempo vorliegt, als gälte es einen Krieg zu gewinnen. Den gibt es auch: noch ist der Horizont zartrosa, der Himmel dunkelblau, aber mit jedem weiteren Schritt wird es heller, und als Maik froh verkündet, die Hälfte sei geschafft, sind die Stirnlampen an unseren Köpfen längst nur noch Deko.

Ich selbst schnaufe mittlerweile wie ein Pferd, obwohl ich beim Wandern sonst fit bin; kurz wird mir ein wenig schwarz vor Augen, aber mit Maiks schwarzem Rucksack im Blick stapfe ich weiter. Es ist nicht mehr weit, sage ich mir, wie ein Mantra – einen Schritt nach dem Anderen, bloß nicht fallen, bloß nicht fallen. Vielleicht war es Blödsinn, sich nach einer Spätschicht auf eine solche Tour einzulassen, noch dazu ohne je in diesen Höhenlagen unterwegs gewesen zu sein.

Vielleicht macht sich dieser Blödsinn aber auch einfach bezahlt.

Als wir oben ankommen, ist es still, obwohl wir nicht die Einzigen sind. Der Bus des nächsten 4*-Hotels in der Gegend stand auch schon bereit, als wir parkten, und die Leute stehen knapp unterhalb des Gipfels, warten und machen Fotos. Nur drei von ihnen haben es ganz an die Spitze geschafft und wir – Maik und ich – wir gehören dazu. Ungläubig betaste ich das Bergkreuz, spüre in mich hinein, fühle, wie die Müdigkeit allmählich aus meinen Knochen verschwindet, während der Horizont zu glühen beginnt.

Fast ist es, als wären wir allein auf der Welt: da gibt es nichts als Berge um uns herum, Berge und Felsen und Gipfel und Täler, Seen und Steine und Berge, Berge, Berge, eine surreale lavendelblaue Landschaft, in der sich keine Spur des menschlichen Lebens finden lässt.

Aber ich fühle mich lebendig. Und wie.

Nach einigen Minuten schließt Nicole zu uns auf – da ist die Sonne schon zur Hälfte zu sehen – , dann warten wir noch einen Moment, frieren in der überraschend kalten Luft und warten, bis der Himmel explodiert.

Noch nie zuvor in meinem Leben habe ich etwas vergleichbar Schönes gesehen.

Ich habe viele Sonnenaufgänge erlebt, noch viel mehr Sonnenuntergänge gesehen, in Bernried, Barcelona, der Milchbar Norderney. Aber keiner war vergleichbar schön, vergleichbar still und laut und wild zugleich. Einzigartig. Vielleicht weil wir so gekämpft haben, um ihn sehen zu können. Vielleicht weil die Wände des Tuxertals dieses Ereignis im Alltag vor unseren Augen verstecken. Es ist einmalig.

Nicole und ich machen Fotos, Selfies, werden zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, obwohl wir uns vorher kaum kannten.  Wir sind ein merkwürdiges Trio: Küchenchef, Yogalehrerin und Bardame; aber es ist die Leidenschaft zum Berg, die uns verbindet.

Nach zehn, vielleicht fünfzehn Minuten, die sich wie eine wundervolle Ewigkeit anfühlen, ist es vorbei, der Himmel verliert seine zartrosagoldene Farbe und der neue Tag beginnt. Ich muss dringend noch schlafen, bevor die Schicht beginnt – mehr als drei Stunden sind es bislang nicht gewesen – und der Rest des Teams wird so bald wie möglich wieder herunterfahren, damit ein Jeder rechtzeitig zur Arbeit kommen kann.

Wir brechen also auf, lange bevor ich mich sattgesehen habe; aber es ist kalt, wir frieren, die Zeit drängt. Maiks Angebot, mir seine Jacke zu geben, lehne ich dankend ab – die Bewegung wird ihr übriges tun.

Der Abstieg fällt weit leichter als der Aufstieg. Ich bin voller Endorphine, halte immer wieder an, um das Farbenspiel des Himmels zu bestaunen, schließe dann wieder auf,  lache und scherze mit den anderen beiden, die mich einfach so bei sich aufnehmen.

Als wir die Busse erreichen, befinden sich die anderen schon im Aufbruch: das mitgebrachte Frühstück ist so gut wie weg, die Heckklappen offen, der Frühdienst fast im Bus. Maik will noch weitergehen – in mir schreit alles danach, ihn und Nicole zu begleiten, aber ich weiß, dass ich arbeiten muss. Mit dem Rest des Teams gibt es noch einen Kaffee, ein Stück Brot, bevor man sich wieder trennt und jeder seiner Wege zieht.

Die anderen hatten wohl auch ein schönes Erlebnis: Lämmer um sich herum und Gras unter den Füßen, ein toller Blick auf den Himmel, die Aussicht auf unsere drei Lampen, die sich Stück für Stück den Gipfel raufquälten. Ein Stück weit bedaure ich es, nicht bei ihnen gewesen zu sein – aber das Erlebnis auf dem Rastkogel macht diesen Anflug von Enttäuschung auf alle Fälle wett.

Warum er denn nicht gleich weitergegangen sei, wird Maik von den anderen gefragt, als er, kurz vom Abschied, seine Pläne für die Tour erklärt.

„Ich wollte sichergehen, dass Antonia bei euch ankommt“, sagt er und zwinkert mir zu. „Bei den Münchnern weiß man ja nie.“

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